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Fahrradgeschichte

Shimano: ein Portrait des wohl umsatzstärksten Players im Fahrradbusiness

Sakai, Japan.
War vor einigen Jahrzehnten der japanische Hersteller für Fahrradkomponenten in Deutschland noch quasi unbekannt, so ist er heute für viele ein Synonym für gute Qualität und Verlässlichkeit. Der Konzern, welcher mehr als achtzig Prozent seines Umsatzes mit Fahrradkomponenten macht, ist mit seinen 13.000 Mitarbeitern aus der heutigen Fahrradwelt nicht mehr wegzudenken. Wir wollen der Frage nachgehen wie es dazu kam und was Shimano heute ausmacht.

Shimano: ein Portrait des wohl umsatzstärksten Players im Fahrradbusiness


Hinweis: Sie finden diesen Text auch als Videoform auf unserem Youtube-Kanal in diesem hier verlinkten Video.


Rückblick in die 70er und 80er Jahre

Wer zu Zeiten der Ökobewegung und Ölkriese Fahrrad fuhr, der tat dies meist auf einem Drahtesel mit einstelliger Ganganzahl und Komponenten der japanischen Firma Suntour sowie der deutschen Fichtel & Sachs. An Mountainbikes oder andere, heute sehr erfolgreiche Fahrradgattungen war damals noch nicht zu denken. Suntour war Marktführer im Komponentenmarkt und Fichtel und Sachs in fast jedem Rad mit einer seiner Naben vertreten. Auch der Hersteller Sturmey-Archer spielte eine große Rolle.

Werbung für die Fichtel und Sachs Kettenschaltung nach dem zweiten Weltkrieg
Fichtel und Sachs - das "frühere Shimano Deutschlands" - hier eine Werbung des deutschen Herstellers für Fahrradkomponenten für deren Kettenschaltungen


Es war die Zeit, in der ein wilder Mix von Komponenten vorherrschte. So war es üblich an einem Fahrrad etwa eine Kurbelgarnitur der Firma Sugino anzubringen, mit einem Freilauf von Fichtel & Sachs zu arbeiten und die Gänge per Suntour Schaltwerk zu schalten. Dies war in der Regel problemlos möglich und funktionierte in der Mehrheit auch relativ gut.



Ein Freilauf der deutschen Firma Fichtel & Sachs im SchnittbildDas Schnittbild einer Freilaufnabe der Firma Fichtel und Sachs - inklusive Kugellagern

Im Jahr 1986 war es dem japanischen Hersteller Shimano erstmals gelungen, den aus dem gleichen Land stammenden Konkurrenten Suntour umsatzmäßig zu überholen. Suntour ist heute von Shimano, wie viele andere Marken aus der damaligen Zeit, nahezu in die Bedeutungslosigkeit gedrängt worden. Suntour stellt so heute für den Massenmarkt quasi nur noch Federungselemente her (Heute:SR Suntour) und der Traditionshersteller Fichtel & Sachs verkaufte 1997 seinen Fahrradbereich an den amerikanischen Konzern SRAM. Doch auch SRAM konnte in Europa auch nie annähernd den Erfolg von Shimano erreichen.



Moderen 2-Gang Nabenschaltung von SRAM nach der Übernahme des deutschen Herstellers Fichtel und SachsDie Fahrradsparte von Fichtel und Sachs ging 1997 an den amerikanischen Fahrradteilehersteller SRAM
- hier eine moderene Freilaufnabe "Torpedo" von SRAM


Es waren besagte 80er Jahre, welche Shimano nach und nach zu einem Kurswechsel veranlassten. Bisher waren die Japaner bei Fahrradherstellern und Händlern aufgrund ihre häufigen Produktrevisionen und schlechter Ersatzteilverfügbarkeit eher verschrien.Shimanos Produktsortiment war unübersichtlich und wirkte oft nicht wie aus einem Guss.

Während man mit 1973 mit Shimanos erster Index-Schaltung, der Positron, sich im scheinbar lukrativen Einsteigersegment versuchte zu etablieren, trat nach und nach ein anderes Shimano in Erscheinung. Statt Technologien im Massenmarkt auszuprobieren, wurde nun ein neues Prinzip eingeführt; Tickle Down. Der Begriff stammt aus dem Bereich der Wirtschaftstheorie und bezeichnet quasi ein heruntertropfen oder sickern gewisser Errungenschaften, bei Shimano bezieht sich dies auf Technologien, etwa aus dem Schaltungs- oder Bremsbereich.

So wurde nun in den oberen Gruppen mit neuen Technologien angefangen und diese nach und nach, quasi an günstigere Produktgruppen vererbt. Das beste Beispiel aus jüngere Geschichte ist etwa Shimanos „Shadow Plus“ Technologie aus dem Schaltwerksbereich. Vor einigen Jahren startete diese ihren Werdegang in der sündhaft teuren Profigruppe XTR, heute findet Sie sich in der Einsteiger-Mountainbike-Gruppe „Deore“ wieder.

Shimanos Shadow Plus Schaltwerkstechnologie - Tickle-Down Prinzip
Shimanos Prinzip der Feature-Vererbung (Tickle-Down)
am Beispiel der Shadows Plus Technologie für Schaltwerk

Ein Japaner, der sich aufmachte die englischen Freiläufe zum umgehen

Shozaburo Shimano, ein damals sechsundzwanzig Jahre alter Japaner, gründet 1921 Shimano Iron Works im Stadtteil Higashi Minato der großen Hafenstadt Sakai. Er machte sich auf, die teuer zu importierenden Freiläufe aus England zu umgehen. Zwar hatte Japan zu dieser Zeit schon eine nicht unbeachtliche Fahrradindustrie, Freiläufe – eines der damals am aufwändigsten zu herstellenden Fahrradteile – waren aber nicht dabei.

Die Stadt Sakai war damals einer der Stahlverarbeitungshochburgen des Landes, Shimanos erste Maschine war so etwa eine Leihgabe des befreundeten Besitzers einer anderen Stahlfabrik. Schon damals entwickelte sich dort eine Art Zentrum der Fahrradindustrie Japans, was mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs und der damit einhergehenden Importstopps zusammenhing.

Die Not im und nach Weltkriegen macht erfinderisch - hier ein Fahrrad nach dem ersten Weltkrieg mit NotbereifungDer Krieg zwang auch die Japaner neue Wege zu gehen und sich von der ausländischen Abhängigkeit zu lösen - die japanische Fahrradindustrie profitiert

Über die Jahre erweiterte Shimano das Produktsortiment immer mehr, die Firma wuchs und wuchs. Die erste Kettenschaltungstechnologie wurde im Jahr 1956 vorgestellt. Nach und nach wurden Vertretungen rund um den Globus aufgebaut, etwa in Amerika oder Europa. Seit 1940 hieß Shimanos Firma nun „Shimano Industrial Co. Ltd.“, mit damals rund 300 Mitarbeitern.
Der große Durchbruch kam aber wohl erst mit der Vorstellung der Dura-Ace Gruppe, eine Komponentengruppe für Rennräder im hochwertigen Profibereich. Die 1972 vorgestellt Gruppe war sowohl als Touring als auch als Rennversion erhältlich, eine Tradition die Shimano so in ähnlicher Form bis heute beibehält.


Shimanos 1972 erstmals vorgestellte Profi-Gruppe Dura-Ace in der aktuellsten Version (2016)Die Dura-Ace Gruppe - Shimanos Stolz seit eh und je
hier in einer aktuellen Version (9100 Serie)


Zwar war Shimano meist nie Vorreiter was neue Entwicklungen anging, die Funktionalität und Qualität bei Vorstellung war dafür aber, bis auf einige Ausnahmen, sehr gut. Shimanos Deore XT Gruppe, welche 1983 auf den Markt kam, ist ein gutes Beispiel dafür. Der Mountainbike-Boom, gestartet in den 70ern in Kalifornien, wurde mit einer eigenen Gruppe für diese neue Gattung der Geländeräder gewürdigt. Das erste Schaltwerk speziell für Mountainbikes brachte Suntour mit dem „MounTech“ 1982 auf den Markt, Vorreiter wurde Shimano dennoch. Shimano erkannte hier, dass die vom Straßenrad bekannten Unterrohr- und Oberrohrschaltungen wenig tauglich für raue Geländefahrten sind. Ebenfalls berücksichtigt wurden die hohen Anforderungen an die Lager, sodass diese besonders versiegelt wurden. Der Kniff lang in der Einfachheit der Komponenten sowie deren Robustheit. Bis heute besteht die Deore XT Gruppe in einer separaten Touring und Off-Road Version. Jede war und ist auf die jeweiligen Besonderheiten genau abgestimmt.



Shimanos erste Version der bis heute legendären Deore XT - Deer-Head Gruppe mit der Produktbezeichnung M700Shimanos Deore XT Gruppe sorgte (mit anderen) für den heutigen, großen Erfolg der Mountainbikes - hier die erste Version - "Deer-Head" mit der Bezeichnung M700


Was Angelrouten mit Fahrrädern zu tun haben

In Deutschland eher unbekannt ist, dass Shimano neben Fahrradkomponenten auch Angelbedarf sowie Teile für Ruderbote und Snowboards herstellt. Der Fischerruten Anteil am Umsatz liegt dabei bei rund einem Sechstel des Gesamtumsatzes. Gerade in Japan wird Shimano gemeinhin eher mit Angelbedarf als mit Fahrradkomponenten assoziiert.

Seit einiger Zeit vertreibt Shimano übrigens nicht nur Fahrradkomponenten, sondern auch das passende Zubehör. Seien es Fahrradschuhe mit deren eigenem Bindungssystem SPD, Rucksäcke, oder Bekleidung wie Jacken, Trikots oder Sonnenbrillen. Ebenfalls angeboten werden Werkzeuge sowie Werkstattbedarf. In Shimanos Händlerkatalog für 2017 füllt alleine dieses Zubehör schon rund vierzig gesonderte Seiten.



Sonnenbrille des Fahrradkomponentenherstellers Shimano aus JapanVon Shimano gibt es nicht nur Fahrradteile - sondern auch ziemlich schickes
Zubehör, wie etwa diese Sonnenbrille

Interessanterweise ging Shimanos Vormachtstellung im Fahrradbereich über die Jahre eher zurück, zumindest was die Fahrradkomponenten selbst anbelangt. Während Shimano in den 80er und 90er Jahren quasi noch jedes einzelne Schräubchen einer Komponentengruppe anbot, findet sich dies heute wenn überhaupt noch in den unteren Gruppen und an Einsteigerrädern. Die hochwertigen Fahrradmarken setzen stattdessen abseits von Schaltung und Bremsen auf eigene Entwicklungen bzw. Label, sei es bei der Laufradnabe, dem Vorbau oder Lenker.



Custom Vorbau des Fahrradherstellers StorckEigener Vorbau des Fahrradherstellers Storck
- gängige Praxis bei vielen großen Fahrradherstellern heute

Wie Shimano zu heutiger Popularität gelang

Shimano steht bei Kunden heute für hohe Qualität und Zuverlässigkeit. Werkstätten wissen die (heute) hohe Ersatzteilverfügbarkeit sowie Diversität der Produkte zu schätzen. Fahrradherstellern erlaubt es Shimano für jeden Preisbereich akzeptabel funktionierende Räder zu bauen.

Shimano lässt sich stellenweise mit dem Technikgigant Apple vergleichen. Diese sind keinesfalls immer die ersten, führen sie allerdings eine neue Technik in Ihre Produkt ein, so kann man quasi sicher sein das diese hohen Standards genügt und funktional ist.

Mitarbeiter beschreiben Shimano oft als konservativ, zurückhaltend und bescheiden. An der Frage ob das stimmt, mögen sich die Meinungen scheiden, sicher ist nur, Shimano hat aus seinen Fehlern gelernt. Anstatt wie früher mit der Positron-Schaltung neue Technologien zuerst im Massenmarkt einzuführen, geht Shimano heute den umgekehrten Weg. Die Top-Gruppen – gefahren von Rennfahrern und Leuten mit viel Kleingeld – dienen als Sprungbrett, um diese nach und nach zu anderen, günstigeren Gruppen, durchsickern zu lassen.



Shimanos erste indexiert Schaltung (= definierte Schaltschritte) war kein großer Erfolg
Früher versuchte Shimano noch neue Technologien (hier: indexiertes Schalten)
erst im Massenmarkt zu etablieren -
dies scheiterte bei der Positron massiv
und brachte der Schaltung eine Art
"Billig-Image" ein

Dieses Prinzip verfolgt Shimano auch in seinen knapp 50 Fabrikhallen. Hochtechnologieprodukte wie Shimanos Dura-Ace oder XTR Gruppe werden im Heimatland Japan produziert, die dortig verwendete Fertigungstechnik gilt dann als Vorbild für ihre andere Fabriken im Ausland. Sprich, anstatt mit großen Stückzahlen Neuland zu betreten, werden neue Produktionsprozesse nach und nach verbessert und dann weitergereicht. So wird nicht nur die Massenproduktion von unausgereiften Produkten verhindert, sondern es kommen auch Leute die nicht so viel Geld für ein Fahrrad ausgeben in den Genuss dieser Vorteile.

Ebenfalls viel verändert haben sich über die Jahre Shimanos Produktzyklen. War es in den 70er und 80ern fast Standard quasi jedes Jahr neue Produktversionen zu veröffentlichen, so lässt sich Shimano heute gerne mehr Zeit. Shimanos Downhillgruppe Saint etwa, läuft schon seit mehreren Jahren erfolgreich, nahezu unverändert weiter. Die meisten Gruppen erfahren alle zwei bis drei Jahre ein größeres Update, wobei sich nur etwa jedes halbe Jahrzehnt massiv Dinge verändern, wie etwa ein Ritzel mehr oder neue Technologiestandards.

Ein modernes Ritzelpaket der XTR Gruppe mit stolzen 11 RitzelnSeit einiger Zeit bietet Shimano 11 Ritzel am Hinterrad an - Konkurrent SRAM ist inzwischen sogar schon bei 12 Ritzeln angelangt

 
 

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